Universität Pécs

Philosophische Fakultät
Germanistischen Instituts

 

Über uns

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Geschichte des Germanistischen Instituts der Universität Pécs

 

     In der Zwischenkriegszeit (1923-1940) war an der aus Pozsony/Pressburg nach Pécs übersiedelten Elisabeth-Universität ein Germanistisches Institut mit berühmten Professoren tätig. Der Leiter des Deutschen Instituts in Pressburg, Tivadar Thienemann, folgte der Philosophischen Fakultät nach Pécs. Im ersten Semester 1923/24 haben sich 41 Studenten für das Fach Deutsch einschreiben lassen. Thienemann wurde 1925 zum Dekan der Philosophischen Fakultät gewählt. Er war Literaturhistoriker und Geistesgeschichtler, darüber hinaus Sprachpsychologe und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften, und er redigierte die Zeitschrift Minerva, die in Budapest neu herausgegeben wurde. Während seiner Institutsleitung in Pécs war er auch in Budapest tätig. Er gab die Zeitschrift Egyetemes Philológiai Közlöny [Universalphilologischer Anzeiger] heraus, war Mitarbeiter des Révai nagy lexikona [Révai Großlexikon] und in der Redaktion des Helikon. 1934 übernahm Thienemann die Leitung des deutschen Lehrstuhls an der Budapester Péter-Pázmány-Universität, den er bis 1944 leitete.

     János Koszó löste Thienemann in Pécs als Lehrstuhlleiter ab. Wegen der politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der vierziger Jahre wurde die Philosophische Fakultät der Elisabeth-Universität nach Kolozsvár/Klausenburg verlegt. Die Lehrer wurden in Szeged, Budapest oder wie Koszó in Klausenburg angestellt. 1948 kam es mit elf Lehrstühlen zur Gründung der Pädagogischen Hochschule in Pécs, die im Gebäude des ehemaligen Pius-Gymnasiums untergebracht wurde. Die 1941 unterbrochene Germanistikausbildung wurde mit der Gründung des Deutschen Lehrstuhls im September 1956 wieder aufgenommen. Der Minderheitenlehrstuhl hatte die Aufgabe, Sprachlehrer für die Oberstufe der Grundschulen mit Minderheitenunterricht auszubilden und die künftigen Lehrer auf die vielseitigen Aktivitäten innerhalb ihrer Volksgruppe vorzubereiten. Die wichtigste wissenschaftliche Arbeit des Lehrstuhls war es, die ungarndeutschen Überlieferungen zu sammeln und zu dokumentieren. Der Gründer und erste Lehrstuhlleiter war Károly Varga. Er war Leiter einer Heimat- und Volkskunde-Bewegung und Autor mehrerer Sprachbücher. Er sammelte Volkslieder und Volksmärchen und machte Radioprogramme.

     Nach der Emeritierung von Varga im Jahre 1975 leitete Béla Szende den Deutschen Lehrstuhl bis 1990. Die 80er Jahre brachten sowohl im Unterricht als auch in der Forschung einen qualitativen Aufschwung. In dieser Zeit haben die Dozenten des Lehrstuhls mit Langzeitprojekten zur Erforschung der Sprache und Kultur der Ungarndeutschen und mit soziolinguistischen Forschungen ihre wissenschaftliche Tätigkeit erweitert. Seit 1983 erhielten einzelne Lehrstühle der Fakultät den Universitätsrang, während der Deutsche Lehrstuhl bis 1990 im Rahmen des Historischen und Nationalen Instituts als Nationalitätenlehrstuhl weiterexistierte.

     Die germanistische Ausbildung auf Universitätsebene hat im September 1991 begonnen. Die Vorbereitungsarbeiten haben János Szabó und Katalin Wild auf sich genommen. Nach der kurzzeitigen Lehrstuhlleitung Szabós, der wegen schwerer Erkrankung seine Anstellung in Pécs aufgeben musste, wurde Zoltán Szendi mit der Leitung beauftragt. Dank der vielseitigen inländischen Unterstützung und der langjährigen Förderung der deutschsprachigen Länder hat die strukturelle Umgestaltung nachhaltige personelle und infrastrukturelle Entwicklungen mit sich gebracht. So hat sich die Anzahl sowohl der Studierenden als auch der Universitätslehrkräfte fast verfünffacht. Innerhalb von 10 Jahren erreichte dieses spektakuläre Wachstum die Zahl von mehr als 500 Studierenden, auf die etwa 20 Lehrkräfte und 5 bis 6 Lehrbeauftragte entfielen.

     Die Einführung der Universitätsausbildung verlangte mehr qualifizierte Fachleute. In der Anfangszeit wurden deshalb regelmäßig deutsche und österreichische Gastprofessoren eingeladen (von denen viele vollwertige verblockte Seminare abhielten), z. B. Anton Schwob, Dietmar Goltschnigg,Claus Jürgen Hutterer  und Kurt Bartsch aus Graz, Wendelin Schmidt-Dengler, Peter Ernst, Peter Wiesinger  und Herbert Tatzreiter  aus Wien, Alfred Doppler aus Innsbruck, Klaus Zeyringer aus Angers, Friedrich Strack aus Heidelberg, Hans Krah aus Passau, Michael Scheffel aus Göttingen, Ilse Nagelschmidt aus Leipzig, Paul Rössler aus Regensburg,  R. Steinar Nybole aus Halden, Hans Peter Nelde aus Brüssel, Arno Ruoff aus Tübingen, Kurt Rein aus München, Rudolf  Post aus Freiburg, Klaus Jürgen Mattheier aus Heidelberg, Velimir Petrovic aus Osijek. In jüngerer Zeit kann der Unterrichtsbedarf durch eigene Kräfte abgedeckt werden, doch kommen besonders im Rahmen der Institutspartnerschaften (nacheinander mit Heidelberg, Passau und Frankfurt a. M.) noch immer ausländische Germanisten für Vorträge und zum Unterricht nach Pécs.

     Im Fachbereich Germanistik kann man bezüglich der Studiengänge seit der politischen Wende drei Perioden unterscheiden. In der ersten und kürzesten Übergangszeit wurde nach einem vom Lehrstuhl eigenständig zusammengestellten Programm unterrichtet, das für das Studium ziemlich große Freiheit und Flexibilität ermöglichte. Im Interesse der inländischen Kompatibilität kam es etwa nach fünf Jahren zu einer staatlich angeforderten und gesteuerten Vereinheitlichung der Studienprogramme, die dann – kaum eingeführt – schon im September 2005 durch das zweistufige Bildungssystem des ‚Bologna-Programms’ abgelöst wurden. Neben den damals fünfjährigen allgemeinen Germanisten- und Nationalitätenfächern sowie der Lehrerausbildung in beiden Fachrichtungen fand zwischen 1989 und 1995 auch im deutschen Fachbereich die dreijährige ‚Umschulung’ der ehemaligen Russischlehrer sowie von 1992 bis 1997 die ebenfalls dreijährige intensive Lehrerausbildung statt, um den nach der Wende aufgetretenen Deutschlehrerbedarf zu decken.

     Sowohl die zügige Erweiterung als auch die strukturellen Veränderungen am deutschen Lehrstuhl erforderten ab dem 1. September 1993 seine disziplinäre Teilung. Den Lehrstuhl für deutschsprachige Literatur leitete Zoltán Szendi bis Februar 2015; seine Nachfolgerin ist Hilda Schauer. Den Lehrstuhl für germanistische Sprachwissenschaft leitete Katalin Wild bis 2006; ihr folgte Zsuzsanna Gerner nach. Beide Lehrstühle wurden 2008 in das neu gegründete Germanistische Institut integriert, zu dessen erstem Leiter Zoltán Szendi ernannt wurde. Seit Februar 2015 leitet Zsuzsanna Gerner das Institut. 

     Parallel zur Entwicklung der Studiengänge hat auch das wissenschaftliche Potential der Pécser Germanistik eine bedeutende Verstärkung erfahren. Fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts haben inzwischen promoviert und mehrere von ihnen sich auch schon habilitiert. Um sich in der Forschung an die in- und ausländische Germanistik besser anschließen zu können, wurde 1993 das Jahrbuch Studien zur Germanistik gegründet, das seit 2006 als Schriftenreihe Pécser Studien zur Germanistik fortgeführt wird. Sowohl für die Forschung als auch für den Unterricht ist eine eigene Fachbibliothek unentbehrlich, die ebenfalls nach der Einführung des Universitätsstudiums systematisch ausgebaut wurde. Ihr Bücherbestand nimmt, auch durch private Stiftungen, stetig zu; eine wesentliche Bereicherung war 1993 die Gründung der Österreichbibliothek, die mit der Institutsbibliothek zusammengefügt wurde.

           

     Von intensiver wissenschaftlicher Tätigkeit zeugen auch die in Pécs in neuerer Zeit regelmäßig organisierten germanistischen Fachtagungen:

  • Der Mensch und seine Umwelt in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur. Internationale Tagung (20-22. März 1991)
  • Begegnung in Pécs/Fünfkirchen: Die Sprache der deutschsprachigen Minderheiten in Europa (1992)
  • Österreichische Germanistik im Ausland. Gemeinsame Konferenz der Gesellschaft Österreichischer Germanisten und der Gesellschaft Ungarischer Germanisten) (8-11. Mai 1997)
  • Aufbruch in die Moderne. Internationale Tagung  (2. bis 4. Oktober 1997)
  • Gesprochene und geschriebene deutsche Stadtsprachen in Südosteuropa  und ihr Einfluss auf die regionalen deutschen Dialekte (2000)
  • DAAD-Workshop: Germanistik in Ungarn: Gegenwart und Zukunft  (5-7. September 2002)
  • Brückenschlag. Die deutschsprachige Literatur in Südost- und Ostmitteleuropa. Internationale Konferenz (3-5. Oktober 2002)
  • „Der Rest ist Staunen.“ Literatur und Performativität. Konferenz der Nachwuchsgermanisten (Sommer 2004)
  • 50 Jahre Germanistik in Pécs. Internationaler Kongress (5. bis 6. Oktober 2006)
  • IV. Linguistische Tagung ungarischer Nachwuchsgermanisten (2007)
  • Germanistische Nachbarschaften: Deutschsprachige regionale Kulturen Ostmitteleuropas. Tagung der Gesellschaft Ungarischer Germanisten (30. bis 31. Mai 2008)
  • Wechselwirkungen. Deutschsprachige Literatur und Kultur im regionalen und internationalen Kontext. Internationale Konferenz (9. bis 11. September 2010)
  • Historische Soziolinguistik des Deutschen (2010)
  • Kontraste und (Kon)Texte”. Konferenz anlässlich des 60. Geburtstages von Peter Canisius (2011)
  • Medialisierung des Zerfalls der Doppelmonarchie in deutschsprachigen Regionalperiodika zwischen 1880 und 1914. Internationaler Workshop(8.-10. März 2013)
  • Reisen im Mittelalter. Tagung der Österreich-Bibliothek (15. bis 16. Oktober 2013)
  • Erinnerungskultur. Poetische, kulturelle und politische Erinnerungsphänomene in der deutschen Literatur. Internationale Tagung (22. bis 23. Mai 2014)